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[ein tag im sommer]

es war ein wunderschöner sommertag. es gibt solche tage, an denen man in tiefem einklang ist mit allem und jedem. nach tagen der dunkelheit plötzlich dieses licht...
nach langer zeit zieht es mich wieder nach draußen. ich suche einen einsamen ort auf, mit ein paar bäumen, feldern, wiesen, mit viel weite und viel himmel.

und stille.

eine leise bewegung in der luft...
und eine musik beginnt zu erklingen...
eine orgelmusik...

es ist ein stück, in dem ein thema, eine melodie, ständig wiederholt wird, und zwar in der tiefsten stimme [das sind die ganz tiefen töne der orgel, die mit dem pedal gespielt werden].
diese unablässige wiederholung des themas wirkt wie ein mantra auf mich...

das thema:




das stück beginnt ganz leise, dunkel, sehr mystisch. man hört zunächst nur das thema. dann setzt eine entwicklung ein, allmählich bilden sich sanfte, ruhige melodiebögen über dem statischen fundament der sich wiederholenden grundmelodie in der tiefe...
dann wächst die dynamik allmählich an, mit jeder neuen wiederholung des themas. die klanggebilde werden immer komplexer, farbiger. girlandenartig winden sich die melodien in immer neuen, kühneren gesten über dem statischen grund des themas, lassen es so in immer neuem licht erscheinen und bringen dadurch die ihm innewohnende schönheit zur vollkommenen entfaltung. die musik wird immer ekstatischer, steigert sich kontinuierlich und mündet schließlich in einen grandiosen, überwältigenden schluß. es braust richtig, wie ein gewaltiger, warmer wind, der über eine sommerliche landschaft weht und die köpfe der wiesenblumen neigt und die kornfelder zum wogen bringt...

die luft flimmert...
die landschaft vibriert ganz leicht...
ich schaue in den himmel, es ist, als stünde ich in gleißendem licht...
in einer riesigen kathedrale...
die musik klingt nach...
zieht mit den wolken fort...
alles ist eins...
es gibt nichts trennendes...
keine grenzen...
nur grenzenlose weite...
überwältigend schön...

die stille...
nach dem sturm...

harald genzmer: sonate für orgel [1952]
3. satz "chaconne"
in der einspielung von gerhard weinberger an der großen mathis-orgel [s. bild] in st. martin zu olten [schweiz]

bezugsquelle: organ (WERGO, Mainz)
link zur orgelbauwerkstatt mathis

[an irgend einem tag im sommer 2003 für mia]